Ich verurteile uns Muslime

Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Die Revision des Klägers in Sachen islamisches Ritualgebet in der Schule wird zurückgewiesen. Der 18jährige darf das islamische Ritualgebet nicht auf den Fluren seiner Schule in Berlin-Wedding verrichten. Der Pressemitteilung des BVerwG ist zu entnehmen, dass durch das Verrichten des islamischen Ritualgebets an dieser konkreten Schule der Schulfrieden gestört würde. Es handele sich aber um eine Einzelfallentscheidung. D.h. durch dieses Urteil wird den Schulen keine generelle Erlaubnis gegeben, das islamische Ritualgebet in seinen Räumen zu verbieten.

Damit bestätigt es das Urteil des Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg bei dem die Schulleitung Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin eingelegt hatte, welches dem Schüler in der ersten Instanz recht gegeben hatte. Man kann diese Entscheidung eigentlich noch gar nicht richtig analysieren oder kritisieren, weil es bisher eine nur relativ oberflächliche Presserklärung gibt, der man bisher folgende Aspekte entnehmen kann:

  1. Grundsätzlich entspricht es dem Recht auf Glaubensfreiheit aus Art.4 Grundgesetz, dass Schüler ihr Gebet auch in den Räumen und Fluren einer Schule verrichten können.
  2. Dieses Recht widerspricht nicht der Neutralitätspflicht des Staates in Sachen Religion. Neutralitätspflicht bedeutet nämlich nicht, dass die Religion aus dem öffentlichen Raum komplett verbannt wird.
  3. Dieses Recht beeinträchtigt auch nicht das Recht auf die sog. negative Glaubensfreiheit anderer Schüler, welches sich auch aus Art.4 Grundgesetz ergibt, die diese Gebete sehen und in gewisser Weise damit konfrontiert werden. Ihnen bleibt nämlich die Möglichkeit daran vorbeizugehen und sich in dem Gebäude woanders aufzuhalten.
  4. Es handelt sich hierbei um eine Einzelfallentscheidung, weil es an dieser konkreten Schule eine Spannung unter den Anhängern der verschiedensten Religionsgruppen, und speziell der innerislamischen Gruppen, gab und gibt.
  5. Dies bedeutet, dass dieses Urteil keine generelle Möglichkeit gibt, den Schülern an anderen Schulen auch das Verrichten des (offenen) Gebets zu verbieten. Es muss immer eine Prüfung des konkreten Einzelfalls stattfinden.
  6. Der Schule in diesem Fall stand es frei einen speziellen Gebetsraum einzurichten, nur ist ihr dies nach eigenen Angaben nicht möglich. Auch deswegen hat das Gericht in diesem Fall das (offene) Ritualgebet im Schulgebäude verboten.

Also so schlimm oder islamfeindlich, wie einige von uns es darzustellen versuchen, ist diese Entscheidung nicht. Wir Muslime sollten uns davor hüten diese Richter zu verurteilen! Natürlich stehen nicht alle auf unserer Seite, aber was und warum sie so entscheiden, kann alles nachgelesen werden, wird veröffentlicht, und wird sehr offen in der Fachliteratur diskutiert. Das bringt uns vielleicht in der Praxis erst mal nicht so viel, aber das zeigt, dass die Arbeit der Richter transparent ist und auch unter ihren Kollegen kritisiert wird.

Auf den ersten Blick mag es problematisch klingen, wenn man hört bzw. liest, dass das höchste Verwaltungsgericht des Landes zu einer wichtigen Sache eine Entscheidung trifft, und dann von einer Entscheidung für einen speziellen Einzelfall spricht, jedoch wird jeder, der im Zuge eines möglichen Verbotes mit diesem Urteil argumentiert aufgrund der Deutlichkeit, mit der das Gericht wohl den Einzelfallcharakter dieser Entscheidung deutlich macht, dazu gezwungen sein, eine konkrete Prüfung seines eigenen Falles vornehmen zu müssen. Also jeder andere Schulleiter der mit dieser Entscheidung argumentiert und bestimmte Verbote an seiner Schule einführt, muss dies erstmal mit einer Gefährdung seines Schulfriedens begründen.

Es gibt unter Juristen auch andere Positionen, als die der Richter beim Bundesverwaltungs– oder Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Dies zeigt die Diskussion in der Fachliteratur, aber auch das Urteil des Verwaltungsgericht Berlins, das dem klagenden Schüler in der ersten Instanz recht gab. Und ich denke, Richter sind die letzten in diesem Land, die irgendjemand (sprich Politik oder Medien) tatsächlich unter Druck setzen kann. Es wird hier auch aufgrund der gesetzlichen Regelung eine Unabhängigkeit gewahrt, die es wohl fast nur noch in dieser Berufsgruppe gibt. Insofern sollten wir uns keine großen Sorgen machen.

Es scheint jedenfalls so, dass es auf der Schule extreme Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten gab und gibt. Das kann man zumindest zwischen den Zeilen der Pressemitteilung herauslesen. Irgendwie sind die Schüler dann auch selbst Schuld, wenn die Schulleitung einen solchen Aufstand wegen der ganzen Angelegenheit macht.

Eine Gemeinschaft, die sich nicht selbst achtet, wird nun mal gedemütigt. Ein Gemeinschaftsgebet auf dem Schulflur abzuhalten ist auch nicht gerade sehr einfühlsam seinen nichtmuslimischen Mitschülern gegenüber. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir nur noch unsere Rechte sehen, aber uns nicht in die Situation unserer Mitbürger hineinversetzen können. Auch wenn das Gericht in dieser Hinsicht sehr offen ist, so sagt uns doch schon unsere muslimische Moral, dass wir auf die religiösen Gefühle Andersgläubiger Rücksicht nehmen sollen. D.h. ein Gebet in irgendeiner Ecke, in dem Gebäude, bei der nicht so viele Schüler vorbeikommen, ist aus islamischer Sicht viel angebrachter, als ein solches mitten auf dem Schulflur, und auch noch in Gemeinschaft.

Es geht hier außerdem um mehr als nur das Gebet. Oder anders ausgedrückt -es geht hier an sich nicht so sehr um das Gebet. Das Problem ist die Art und Weise des Umgangs miteinander. Es geht hier darum, dass es leider bei uns Muslimen gewisse Leute gibt, die mit dieser Gesellschaft auf Konfrontationskurs gehen, und es darauf ankommen lassen wollen.

Was bringt es uns bitte, wenn wir wegen allem möglichen vor Gericht gehen? Wäre es nicht schlauer, wenn die Dachverbände und wie sie sich alle nennen, sich z.B. mal mit Schulleitern zusammensetzen, anstatt mit wichtigtuerischen Politikern, um mit ihnen über die Probleme und die Missstände an ihren Schulen zu sprechen und ihnen zu erklären, was der Islam von gewissen abfälligen Äußerungen über seine Mitschüler hält? Wäre es nicht angebrachter, wenn sie ihnen erklären würden, dass man nicht viel verlangt? Dass man vielleicht auch so etwas wie einen Raum der Stille einrichten kann, in den sich alle Schüler, die das möchten, ein wenig zurückziehen können, und jeder das Gebet verrichten kann, was er verrichten möchte?

Wäre es nicht angebrachter unsere Jugend mal aufzuklären und ihnen zu sagen, dass wir zwar Pflichten haben, aber dass wir auf die religiösen Gefühle unserer Mitbürger Acht nehmen müssen? Wäre es nicht angebrachter, wenn wir erst mal eine gemeinsame Position aller Muslim-Vertreter dieses Landes ausarbeiten und als Einheit auftreten, anstatt dass jeder, der meint, er müsse den Islam und die Muslime verteidigen, wegen irgendwas vor Gericht zieht und somit mehr Schaden anrichtet als wir davon Nutzen haben?

Und wenn sie schon dabei sind, dann können sie auch gleich die Sachen mit dem Kopftuch bei Lehrern, dem Schwimm- und Sportunterricht, sowie die ständigen Streitereien wegen Klassenfahrten und die Art und Weise der Vermittlung von Sexualkunde regeln. Es gibt so vieles, wo leider beide Seiten seit sicher mehr als zwei Jahrzehnten aneinander vorbeireden. So kann das nicht weitergehen.

Das Problem liegt nicht (immer) bei den Anderen. Die Probleme liegen in erster Linie bei uns. Wir haben weder eine einheitliche Position, mit der wir auftreten, noch eine anerkannte Führung hier in Deutschland, die eine gewisse Richtung vorgibt, und die von allen Muslimen und Nichtmuslimen als solche anerkannt wird. Ja, das mag träumerisch klingen, aber genauso etwas braucht jede Gemeinschaft, wenn sie von anderen respektiert werden will.

Letztendlich sollten wir lernen unsere Meinungsverschiedenheiten in Schulen, Unis und am Arbeitsplatz einvernehmlich zu klären. Ein Gang vor’s Gericht sollte immer das allerletze Mittel sein. Schulleiter oder Lehrer sind keine Unmenschen, und sie haben weiß Gott, einen miesen Job! Die meisten Politiker und die Mainstream-Medien in diesem Land mögen den Islam hassen und gegen ihn hetzen, aber unsere Mitbürger sind nun mal nicht diese Politiker oder diese Medienmacher, sondern die anderen 95% dieser Gesellschaft. Auch Lehrer, Schulleiter, Arbeitgeber, Ausbilder, Uni-Professoren, Mitschüler, Nachbarn, Bekannte, Sportkameraden usw. gehören zu diesen 95%. Mit diesen 95% müssen wir anders umgehen, als es hetzerischen Politiker und ihre hetzerischen Hofschreiberlinge wollen!

Klar, von den genannten 95% gibt es nicht wenige, die sich von der Hetze gewisser Politiker und Mainstream-Medien beeinflussen lassen. Aber wenn man ihnen genau das Gegenteil von dem zeigt, was in Politik und Mainstream-Medien behauptet wird, dann werden unsere Mitbürger positiv überrascht sein und ganz anders mit uns umgehen. Jeder von uns kennt sicher vielerlei Beispiele aus seinem Alltag. Es sei hier auch empfohlen, genau zu studieren, wie Imam Chomeini in nur etwa fünf Monaten, die er hier in Europa bei Paris gelebt hat, durch sein Verhalten die Herzen der meisten seiner Nachbarn gewonnen hat. Hatten sie doch vorher so ein schlechtes Bild von ihm. Er aber hat sich nicht von der Hetze gegen ihn und die iranische Freiheitsbewegung beeindrucken lassen, und hat das gemacht, was der Islam vorschreibt -einen respektvollen und einfühlsamen Umgang mit seinen Nächsten. Da ist eine Gnade Gottes, dass der Imam ausgerechnet über Weihnachten hier in Europa war und seinen Nachbarn zu diesem Fest Geschenke überbringen ließ, auch als Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, die sie durch seine Nachbarschaft hatten.

Also bevor wir diese Richter jetzt verbal und medial verurteilen, sollten wir erst mal uns selbst anklagen, verurteilen und uns zu Maßnahmen ‘bestrafen’ mit denen wir die Missstände in unseren eigenen Reihen beseitigen. Wenn wir dies schaffen und uns selbst als Gemeinschaft achten, dann sieht unser Bild in dieser Gesellschaft ganz anders aus. Und auch wenn die meisten Politiker und die Mainstream-Medien ihre Einstellung uns gegenüber nicht ändern sollten, dann können wir trotzdem noch sagen, dass wir erstens alles versucht haben, um die Missstände in unseren eigenen Reihen zu beseitigen, und zweitens werden wir dann viel mehr Herzen unserer nichtmuslmischen Mitbürger gewonnen haben, als es bisher der Fall war. Das ist sicher.

 

 

Ali Chaukair

  1. #1 von fatimaoezoguz am 2. Dezember 2011 - 10:22

    Assalamu alaikum

    so habe ich das noch gar nicht gesehen. Danke für diese differenzierte Darstellung.

    wa salam

  2. #2 von Lynx am 3. Dezember 2011 - 00:55

    Bei dem Titel „Ich verurteile uns Muslime“ muß ich zunächst an die Situation in einigen muslimischen Ländern denken, wo der Islam nicht richtig praktiziert wird. In Syrien bspw. ist es den muslimischen Wehrpflichtigen in den von Angehörigen der Sekte der Alawiten beherrschten Streitkräften verboten zu beten. Selbst im haschemitischen Königreich Jordanien, wo der Islam Staatsreligion ist und die Streitkräfte in einzigartiger Weise einen Apparat von Muftis und Predigern haben und die Soldaten dazu angehalten werden, den Islam zu praktizieren, sind die Universitäten großenteils so ausgerichtet, als gäbe es den Islam nur theoretisch, und dem Bedürfnis der Studenten und Dozenten nach entsprechenden Pausen und geeigneten Räumlichkeiten zur Verrichtung der Gebete wird häufig nicht Rechnung getragen. Manche Arbeitnehmer müssen sogar während der Zeit des Freitagsgebets arbeiten; andernfalls werden sie fristlos gekündigt. Solange den Muslimen das Bewußtsein dafür fehlt, was es bedeutet, Muslim zu sein und seine religiösen Pflichten zu erfüllen, wie sollen sie da Achtung von den Nichtmuslimen erfahren?

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